Hände waschen reicht nicht - man muss sie auch sauber halten

Sie kennen sicher die Szene: Nach dem Toilettengang waschen Sie sorgfältig Ihre Hände. Da kommt so ein komischer Kauz aus seiner Kabine und steuert direkt auf die Ausgangstüre zu, als ob er allergisch auf Wasser wäre. Wie komme ich nun hier raus, ohne mir nochmals die Hände schmutzig zu machen?

Gerade in der Corona-Zeit genügt es nicht, sich die Hände zu waschen. Man muss sie auch sauber halten können und wissen, wann es an der Zeit ist, sie erneut zu waschen. Das Problem ist in der industriellen Produktion und aus Labors gut bekannt. Giftige Chemikalien und auch gefährliche Erreger hinterlassen rasch Spuren auf Oberflächen, an Händen und an Handschuhen der Arbeitenden. Was können Einzelpersonen, Unternehmen und Instandhalter von öffentlichen Anlagen tun, damit die Hände nach dem Waschen auch sauber bleiben?

Zuerst müssen wir feststellen, was und wie Oberflächen kontaminiert werden können, damit wir dann in einem zweiten Schritt den STOP-Ansatz anwenden können: Substitution, Technische-, Organisatorische- und Persönliche Massnahmen. Die Risikoanalyse „Hände sauber halten“ beinhaltet eine Analyse aller Arbeitsprozesse, aber auch von Alltagsaktivitäten, bei denen Hände zum Einsatz kommen. Welche Oberflächen werden weshalb, von wem, wie oft benutzt, welche dieser Tätigkeiten ist aus betrieblicher Sicht wirklich notwendig und wo besteht ein erhöhtes Risiko, dass viele Personen nacheinander die gleiche Oberfläche anfassen, ohne sich vorher oder nachher die Hände gewaschen zu haben?

S wie in Substitution
Substitution bezieht sich in der Regel darauf, eine gefährliche Chemikalie gegen eine weniger giftige auszutauschen. Wir können das aber auch auf Prozesse und Werkzeuge anwenden. Das Corona-Virus kann leider nicht aus dem Chemikalien-Inventar gestrichen werden. Aber wir können die Hand durch den Ellbogen ersetzen, um den Lift-Knopf zu berühren, oder das Händeschütteln durch ein Namaste zur Begrüßung anderer.

T wie in Technische Massnahmen
Technische Maßnahmen sind eine der besten Massnahmen um das Kontaminationsrisiko zu verringern. Die meisten dieser Ansätze erfordern allerdings, dass andere, sprich Arbeitgeber, Behörden oder die Hausverwaltung sie umsetzen.

• Öffnung der Tür: Oft ist es aus Kostengründen oder Sicherheitsüberlegungen nicht möglich, automatisch öffnende Türen einzubauen. Doch Türen können auch entfernt oder während den Betriebszeiten aufgesperrt werden. Türriegel lassen sich entfernen oder entsperren, damit Personen die Tür mit dem Fuss öffnen können. Möglicherweise kann auch der Türgriff durch einen anderen ersetzt werden, der mit dem Ellbogen betätigt werden kann.

• Händewaschen: Wenn Sie eine neue Baustelle oder öffentliche Toiletten planen, dann beschaffen Sie Wasserhähne und Seifenspender, die berührungslos mit einem Sensor bedient werden können. Ebenfalls funktionieren würden Wasserhähne, die sich nach kurzer Zeit schließen, so dass Sie das Wasser nicht mit sauberen Händen abstellen müssen. In allen anderen Situationen ist Kreativität gefragt, um Wege zu finden, die es ermöglichen, den Wasserhahn mit dem Fuß, den Knien oder dem Ellbogen zu bedienen.

• Mülleimer: Einige Länder empfehlen, gebrauchte Taschentücher in geschlossene Mülleimer zu entsorgen. Dies ist jedoch ein Rezept für Kontamination, wenn Sie den Deckel von Hand öffnen müssen. Verwenden Sie geschlossene Behälter NUR, wenn Sie diesen ohne die Hand öffnen können und bringen Sie ein großes Schild auf dem Deckel an, auf dem als Text und Piktogramm steht: "Nicht mit der Hand anfassen, nur mit dem Fuss öffnen". Ansonsten ist es viel sicherer, sich an offene Mülleimer zu halten. Oh, und vergessen Sie nicht, Ihren Mülleimer so zu platzieren, dass ihn niemand aus Versehen umwerfen kann und dass Reinigungskräfte ihn leeren können, ohne den Inhalt berühren zu müssen.

O wie in Organisatorische Massnahmen
Die Art und Weise, wie Sie Ihre Aktivitäten organisieren, hat einen wichtigen Einfluss auf Ihr Risiko, kontaminiert zu werden. Ein Denken in Zonen unterschiedlicher Sicherheit kann helfen. Ein paar grundlegende Überlegungen sind:

• Trennen Sie Unbeteiligte von der Gefahr durch die Einrichtung von Sperrzonen. Am einfachsten ist es, wenn Angestellte möglichst von zu Hause aus arbeiten und dieses nur für wesentliche Arbeiten verlassen. In Unternehmen müssen wir bei der Erstellung eines Risikokonzeptes jede andere Person (ob Mitarbeiter oder Kunde) als potentielle Virenquelle betrachten. Vermeiden und reduzieren Sie daher die Anzahl unnötiger Kontakte.

• Wenn die enge Zusammenarbeit von mehreren Personen nötig ist, um eine Arbeit zu erledigen, so versuchen Sie das in sich nicht ändernden Teams zu machen, die wenn möglich „eigene Zonen“ im Betrieb haben, die von keinen anderen Teams gebraucht werden. Die Team-Mitglieder befolgen zudem den Hygieneregeln. Im Fall einer Infektion eines Mitarbeitenden stecken sich so - wenn überhaupt - nur die Mitglieder dieses Teams an.

• Schaffen Sie „saubere persönliche Zonen“. Personen, die nicht von zu Hause aus arbeiten können, sollten soweit von den Abläufen her möglich persönliche Arbeitsplätze erhalten, die nur für diese Person zugänglich sind. Niemand sonst sollte sich in diese «persönliche Zone» begeben, kein Chef, kein Kollege, keine Reinigungskraft. Jeder Person wird die Verantwortung übertragen, ihren eigenen Arbeitsplatz sauber zu halten. Stellen Sie dazu geeignetes Reinigungsmaterial zur Verfügung und denken Sie auch an die Abfallentsorgung und -entsorger.

• An Orten, an denen Menschen eine Zone betreten oder verlassen, die außerhalb ihrer direkten und alleinigen Kontrolle liegt, muss eine Möglichkeit zum Waschen oder Desinfizieren der Hände vorgesehen werden. Zudem sollten in diesen gemeinsamen Zonen Türgriffe, Treppengeländer, Stangen, Tische und andere Oberflächen, die von den Menschen berührt werden können, regelmäßig gereinigt werden.

• Richten Sie Ihre Massnahmen für einen längeren Zeitraum ein: Bevor Sie mit der Bereitstellung von Desinfektionsmitteln oder anderen (personalintensiven) Lösungen beginnen, vergewissern Sie sich, dass Sie über die Ressourcen und Beschaffungsquellen verfügen, um dies über einen längeren Zeitraum zu tun, und sichern Sie Ihr Material gegen Diebstahl.

• Wenn Sie ein Personalrestaurant betreiben, seien Sie besonders vorsichtig. Das gesamte Küchenpersonal sollte Masken tragen, um Lebensmittel oder Oberflächen nicht zu kontaminieren (und es hilft auch gegen direkte Übertragung durch die Luft). Das Einzige, was die Gäste berühren sollten, sind ihr eigenes Tablett, Glas, Teller und Besteck. Vermeiden Sie also Stapel von Tellern oder Eimern mit Besteck. Lassen Sie dieses vielmehr vom Personal mit Maske und sauberen Handschuhen übergeben.

• Wenn Sie Aufenthaltsräume und Küchen haben, in denen das Personal selber Kaffee, Tee zubereiten kann, oder mitgebrachte Mahlzeiten aufwärmen kann, seien Sie besonders vorsichtig. Beschränken Sie die Anzahl und Aufenthaltsdauer der Mitarbeiter in diesem Raum, desinfizieren Sie regelmäßig alle Oberflächen und bitten Sie das Personal, Tassen, Besteck usw. selbst zu waschen oder mitzubringen und in ihrer persönlichen "sauberen Zone" aufzubewahren. Zudem ist es wichtig, gemeinsam genutzte Räume sehr gut zu lüften.

• Ausnahmsweise kann das Essen von mitgebrachten Mahlzeiten in der „sicheren Zone“, also am persönlichen Arbeitsplatz erlaubt werden, WENN dieser nicht in einer Zone mit spezifischen Gefahren wie chemischen oder biologischen Stoffen liegt.

P wie in Persönliche Schutzausrüstung
Persönliche Schutzausrüstung wie Masken, Gesichtsschilder oder Handschuhe sind die letzte Verteidigungslinie für Situationen, in denen alle anderen Mittel zur Verhinderung von Kontaminationen ausgeschöpft sind, aber auch als zusätzliche Massnahme im Sinne von „doppelt gemoppelt hält besser“.

• Verwenden Sie zum Niesen ein Taschentuch. Das ist viel besser, als Ihrer Armbeuge, welche eine Notfallmassnahme bleiben muss! Wenn es nicht anders geht, dann niesen Sie wenigstens immer in die gleiche Armbeuge, damit Sie weiterhin mit dem Ellbogen des anderen Armes Oberflächen berühren können. Verschränken Sie auch auf keinen Fall die Arme, vor allem nicht, wenn Ihre Hände schmutzig sind oder wenn Sie die Angewohnheit haben, in die Armlehne zu niesen!

• Benutzen Sie Handschuhe, wenn Sie für Ihre Arbeit Oberflächen berühren müssen, mit denen andere Personen oft in Kontakt kommen und lernen Sie, wie man Handschuhe richtig entfernt. Achtung, bedenken Sie bei der Definition von zu reinigenden Oberflächen, dass infizierte Personen das Virus nicht nur durch Berühren, sondern auch durch Atmen, Sprechen oder Niesen ablagern können.

• Stellen Sie bei Geräten mit Touchscreen-Oberflächen, wie z.B. beim Fotokopierer, genügend Desinfektionsmittel oder Reinigungstücher bereit. Stellen Sie sicher, dass das verwendete Mittel keinen Schaden an den Geräten verursachen kann.

• Verwenden Sie Einweghandtücher zum Öffnen von Türen, wenn es keine technische Lösung gibt. Nach Gebrauch falten Sie das Handtuch, ohne die kontaminierte Seite zu berühren, und entsorgen Sie es in einem Mülleimer. Stecken Sie es NICHT für die weitere Verwendung in die Tasche!

Hände sauber halten ist nicht alles. Zuletzt noch eine Erinnerung: In der gegenwärtigen Pandemie ist die Übertragung über die Hände wahrscheinlich einer der weniger häufigen Übertragungswege. Die meisten Infektionen mit COVID-19 scheinen aufgrund direkter Tröpfchen wegen zu nahem Kontakt und durch Anreicherung von luftgetragenen Atemwegsaerosolen in ungenügend gelüfteten Räumen zu erfolgen. Daher halten Sie bitte wenn immer möglich 2 Meter Abstand, tragen Sie eine Maske, wenn immer Sie einen Raum mit anderen Leuten teilen, oder wenn sie die Abstandsregel nicht einhalten können, und lüften Sie gemeinsam genutzte Räume so stark wie möglich.

 

Ein wesentlicher Teil dieses Beitrages wurde bereits auf dem Blog von SCOEH in Englischer Sprache publiziert. Viele weitere Tipps und Gedanken zu COVID-19 finden Sie unter https://scoeh.ch/blog (in Englisch)

Prof. Dr. Michael Riediker ist Direktor von SCOEH: Schweizerisches Zentrum für Arbeits- und Umweltgesundheit, Winterthur. https://scoeh.ch.

Er ist Arbeits- und Umwelthygieniker, hat an der ETH Zürich studiert und doktoriert, ist Adjunkt Professor an der NTU Singapore und betreibt seit über 20 Jahren Forschung zu Aerosolen aus verschiedensten Quellen, wie diese die Gesundheit beeinflussen und was das fürs Risikomanagement bedeutet.

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